Brechthaus Augsburg, 1989; Quelle: Bärwinkel, Klaus

Das Brecht-Haus

Der “deutscheste sowjetische” Dichter

Bertolt Brecht; Bundesarchiv, Foto: Kolbe, Jörg

Bertolt Brecht; Bundesarchiv, Foto: Kolbe, Jörg

Im Lechviertel, dem Arbeiterviertel in Augsburg, wurde Bertolt Brecht geboren und wuchs dort auf. Seit 1924 lebte er mit seiner Frau und den Kindern in Berlin. Sein Leben war aber stark mit der jungen Sowjetunion verbunden.

1932 besuchte Brecht erstmals Moskau. Diese Reise führte ihn mit zahlreichen Gleichgesinnten zusammen und brachte Freundschaften fürs Leben. 1934 wurden seine Dramen “Mutter” und “Die heilige Johanna der Schlachthöfe” von Sergej Tretjakow (1892-1937) ins Russische übersetzt, mit der Widmung: “Dem großen Ketzer / Der lange Übersetzer”.

Nach dem Reichstagsbrand und der Machtübernahme von Hitler im Februar 1933 verlass Brecht Deutschland und ging in Exil: Prag, Wien, Zürich, Paris, Dänemark und viele weitere Orte.

 

Karte, KI

 

Im März 1935 reiste Brecht erneut nach Leningrad (Sowjetischer Name von Sankt-Petersburg) und Moskau. Dort lernte er die chinesische Schauspielkunst kennen, die vermutlich die Basis seiner neu entwickelten Methode des “epischen Theaters” wurde.

Im März 1936 wurde Brecht gemeinsam mit Willi Bredel (1901-1964) und Lion Feuchtwanger (1884-1958) zum Herausgeber der Exilzeitschrift “Das Wort”, die in Moskau

3 Das Wort Brecht-Haus

File:Das Wort 1938.jpg – Wikimedia Commons

veröffentlicht wurde. Im Sommer des gleichen Jahres begannen die Prozesse und Verhaftungen zahlreicher Kulturschaffender in Moskau und in der Sowjetunion. Anfang der 1930er Jahre war Moskau noch ein Mekka des Theaters, zu dem linke Intellektuelle aus aller Welt, insbesondere aus Deutschland, strömten. Doch bereits 1934 wurde dort der “sozialistische Realismus” zur offiziellen Kunstform deklariert und Josef Stalin (1878-1953) begann mit der politischen Verfolgung von Kunstschaffenden, die nicht mehr in dieses ideologische Raster passten.

Seit 1936 betrachtete Brecht die politischen Prozesse gegen Kulturschaffende in der Sowjetunion als Akt der Kriegsvorbereitung. Walter Benjamin (1892-1940) erinnerte sich an Brechts Worte: “In Russland herrscht das persönliche Regiment. Das können natürlich nur die Holzköpfe leugnen.”

1937 im Mai bat Sergej Tretjakow Brecht um seine neuen Werke, woraufhin Brecht das Gedicht “Rat an Tretjakow, gesund zu werden” schrieb. Doch bereits im Juli wurde Tretjakow verhaftet, wegen Spionage angeklagt und 1939 hingerichtet. Auch die Bücher von Berthold Brecht waren in der Sowjetunion verboten.

Brecht erlebte den Beginn des zweiten Weltkrieges (1.September 1939) in Schweden. Im Frühjahr 1940 zog er nach Finnland und bemühte sich um Visa für die USA und Mexiko.
Am 16. Mai 1941 reiste er von Finnland nach Leningrad und Moskau, um anschließend die gesamte Sowjetunion zu durchqueren und von der Ostküste aus mit dem Schiff in die USA überzusetzen. Am 13. Juni 1941 verließ Brecht mit seiner Familie Wladiwostok und erfuhr am 22. Juni während eines Zwischenaufenthalts in Manila vom Angriff der deutschen Truppen auf die Sowjetunion.

Mitte Juli erreichte Brecht die USA. Dort arbeitete er an dem Drama “Der Kaukasische Kreidekreis”. Dafür überarbeitete er ein chinesisches Theaterstück sowie eine Legende über König Salomon, in der zwei Frauen vor einem Richter um ein Kind streiten. Zuerst schrieb er “Augsburger Kreidekreis”- Die Geschichte spielt während des Dreißigjährigen Krieges in Augsburg. Im “Kaukasischen Kreidekreis” wurde die Handlung in den zweiten Weltkrieg verlegt und spielte im damaligen sowjetischen Georgien.

 

4 Bundesarchiv Brecht-Haus

Bundesarchiv

Der Zweite Weltkrieg war 1945 beendet. 1947 flog Brecht nach Paris. Er kehrte zurück! Zunächst arbeitete er in Zürich, bevor er 1949 nach Berlin in die sowjetische Besatzungszone zog, die später zur DDR wurde. Nach dem Stalins Tod 1953 wurde die Kulturpolitik in der Sowjetunion und dem Ostblock verändert. Berthold Brecht wurde dann wieder geehrt.

5 Brecht-Haus Internationaler Stalinpreis für die Festigung des Friedens zwischen den Völkern - Bertolt Brecht – Wikipedia

Internationaler Stalinpreis für die Festigung des Friedens zwischen den Völkern – Bertolt Brecht – Wikipedia

Thomas Mann (1875-1955) lehnte den Stalin-Friedenspreis ab, den im Mai 1955 schließlich Bertolt Brecht in Moskau erhielt. Dafür reiste Brecht über Warschau nach Moskau, besuchte dort verschiedene Sehenswürdigkeiten und zahlreiche Theateraufführungen. Am 25. Mai 1955 hielt er bei der Friedenspreisverleihung seine berühmt gewordene Rede mit dem Titel “Der Friede ist das A und O”. Sie wurde vom bekannten, aber damals wenig geschätzten Schriftsteller Boris Pasternak (1890-1960) ins Russische übersetzt.

Dort heißt es:

“Ich war 19 Jahre alt, als ich von Ihrer großen Revolution hörte, 20, als ich den Widerschein des großen Feuers in meiner Heimat erblickte. Ich war Sanitätssoldat in einem Augsburger Lazarett. Die Kasernen und sogar die Lazarette leerten sich, die alte Stadt füllte sich plötzlich mit neuen Menschen in großen Zügen aus den Vorstädten kommend, von einer Lebendigkeit, welche die Straßen der Reichen, der Ämter und Kaufleute nicht kannten… […] Die Völker, die sich eine sozialistische Wirtschaft erkämpft haben, haben eine wunderbare Position bezogen, was den Frieden betrifft. Die Impulse der Menschen werden friedlich. Der Kampf aller gegen alle verwandelt sich in den Kampf aller für alle.

Wer der Gesellschaft nutzt, nutzt sich selbst. Wer sich selbst nützt, nützt der Gesellschaft. […] Die neuen Erfindungen können mit Freude und Hoffnung empfangen werden, anstatt mit Entsetzen und Furcht.”

Dies war Brechts letzter Aufenthalt in der Sowjetunion. Leider erlebte er die Gastaufführungen des von ihm gegründeten Theaters “Berliner Ensemble” in Moskau nicht mehr.
Im Berliner Krankenhaus Charité verstarb Bertolt Brecht am 14. August 1956 infolge eines Herzinfarktes.
Seit der 1960er Jahren führten viele sowjetische und postsowjetische Theater Stücke von Brecht auf. Brecht wurde zum Symbol des Protests gegen die Diktatur und bleibt bis heute beliebt und aktuell.


Das Projekt „Meine Stadt – Meine Geschichte“ beschäftigt sich mit der Ausarbeitung und Digitalisierung der migrantisch geprägten Stadtführungen und ist Teil von DIWA 4.0. Das EU-geförderte Projekt DIWA 4.0 unter der Leitung des Büros für gesellschaftliche Integration der Stadt Augsburg setzt sich aktiv für die gleichberechtigte Teilhabe Neuzugewanderter und ein respektvolles Miteinander ein. Mehr Informationen: augsburg.de/diwa

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