Das Bukowina-Institut

Von Czernowitz nach Augsburg. Erinnerung und Forschung

Ein Bukowina-Institut in Augsburg? Ja! Tatsächlich führt eine Spur von der alten deutschen Stadt bis in die bezaubernde ukrainische Region Bukowina – rund 1100 Kilometer entfernt. Auf den ersten Blick scheinen Augsburg und Czernowitz, die Hauptstadt der Nordbukowina, wenig gemeinsam zu haben. Doch Geschichte und Kultur zeigen viele Verbindungen.

Die Bukowina gilt als eine der besonderen Regionen Europas: Hier lebten über Jahrhunderte Menschen ukrainischer, deutscher, jüdischer, rumänischer, moldauischer und anderer Herkunft zusammen. Diese Vielfalt brachte der Region Beinamen wie „Europa im Kleinformat“, „die östliche Schweiz“ oder „das kleine Wien“ ein. Architektur und Geschichte zeugen bis heute von diesem reichen Erbe.

Heute ist die Bukowina zwischen zwei Staaten geteilt: Die Nordbukowina gehört zur Ukraine mit dem Zentrum Czernowitz, die Südbukowina zu Rumänien mit der Stadt Suceava.

Franz Xavier Knapp: Griechisch orientalische Kathedrale in Czernowitz, 1867. Quelle: Wikipedia File:Franz Xavier Knapp - Griechisch orientalische Kathedrale in Czernowitz.jpg – Wikimedia Commons

Griechisch orientalische Kathedrale in Czernowitz

In alten Zeiten lebten auf diesem Land slawische Stämme. Zur Zeit der Rus gehörte die Region zu diesem großen Staat, trug jedoch noch nicht den Namen “Bukowina”. Der Name „Bukowina“ taucht Ende des 14. Jahrhunderts erstmals in Dokumenten auf und hängt mit der Buche zusammen, die in der Region weit verbreitet ist.

Nach dem Zerfall der Rus gehörte die Region erst zum Fürstentum Moldau und dann zum Osmanischen Reich. Ab 1775 stand die Bukowina unter österreichischer Herrschaft und war bis 1918 eng mit der deutschsprachigen Welt verbunden.

Kaiser Joseph II. (1765–1790) bot Einwanderern in die Bukowina günstige Bedingungen, und zwar Land-, Steuer- und Militärbefreiungen sowie Religionsfreiheit, die besonders für die jüdische Bevölkerung attraktiv war. Viele Menschen aus dem Handwerk und der Landwirtschaft in Deutschland nutzten die Chance. Das Habsburgerreich baute die Infrastruktur aus, 1866 entstand die Eisenbahnlinie von Lemberg über Czernowitz nach Wien. Die Bevölkerung von Czernowitz wuchs stark und verzehnfachte sich zwischen 1774 und 1941, doch die Region blieb überwiegend ländlich und arm.

Die Bukowina war ein multikulturelles Gebiet des Habsburgerreichs. Deutsch eröffnete Karrieren, Zeitungen erschienen in sechs Sprachen (Ukrainisch, Deutsch, Rumänisch, Polnisch, Jiddisch und Hebräisch), und 1875 wurde die Franz-Joseph-Universität in Czernowitz gegründet.

Зображення: Газета «Самостійність», 1934 р., ч.1

Ukrainische Zeitung „Samostijnost“, 1934

Vereine, Zeitungen und Bildungseinrichtungen förderten die Entwicklung der ukrainischen Identität.

Nach dem Ersten Weltkrieg zerfiel Osterreich-Ungarn und die Bukowina fiel an Rumänien. Für die ukrainische und jüdische Bevölkerung begann eine schwierige Zeit mit wachsendem Nationalismus und Antisemitismus.

Tscherniwzi, Postkarte aus der Vorkriegszeit, Österreichisch-Ungarisches Reich, 1915

Postkarte: Czernowitz, 1915

Im Zweiten Weltkrieg verschärfte sich das Schicksal der Bukowina. 1940 annektierte die Sowjetunion den Norden der Region, Tausende Juden wurden deportiert. Nach der Rückkehr der rumänischen Herrschaft 1941 wurden die Verfolgungen fortgesetzt, auch Ukrainer waren betroffen.

Nazideutschland begann mit der Umsiedlungspolitik unter dem Slogan „Heim ins Reich“. Rund 96.000 Menschen deutscher Herkunft aus der Bukowina wurden ins Deutsche Reich gebracht, zunächst in Lagern untergebracht und nach Kategorien eingeteilt – die Realität entsprach kaum den Versprechen der Propaganda.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrten die meisten Deutschen, die während des Krieges aus der Bukowina gekommen waren, nicht dorthin zurück. Viele Überlebende jüdischer Herkunft wanderten nach Israel aus, und der Pariser Friedensvertrag von 1947 bestätigte die Teilung der Region zwischen der Sowjetukraine und Rumänien.

Viele Bukowiner Deutsche fanden eine neue Heimat in Bayern. Der Regierungsbezirk Schwaben übernahm die Patenschaft für die Bukowina-Deutschen. So entstand 1988 in , das sich der Bewahrung und Erforschung des historischen und kulturellen Erbes der Region widmet. Seit 2003 gehört es zur Universität Augsburg und wird heute von Professorin Jana Osterkamp geleitet.

Das Beispiel zeigt: Augsburg ist ein Ort, an dem die Erinnerung an die Bukowina lebendig bleibt – und ein Brückenraum, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbindet.

Das Projekt „Meine Stadt – Meine Geschichte“ beschäftigt sich mit der Ausarbeitung und Digitalisierung der migrantisch geprägten Stadtführungen und ist Teil von DIWA 4.0. Das EU-geförderte Projekt DIWA 4.0 unter der Leitung des Büros für gesellschaftliche Integration der Stadt Augsburg setzt sich aktiv für die gleichberechtigte Teilhabe Neuzugewanderter und ein respektvolles Miteinander ein. Mehr Informationen: augsburg.de/diwa

Förderleiste DIWA EU und Stadt Augsburg