Das Höhmannhaus
Fatma, eine osmanische Frau in Augsburg
Das Höhmannhaus in der Maximilianstraße 48 wirkt auf den ersten Blick wie ein gewöhnliches Stadthaus. Tatsächlich ist das Gebäude jedoch eng mit der außergewöhnlichen Lebensgeschichte Fatmas verbunden, die im osmanischen Raum begann, nach Mitteleuropa führte und in Augsburg eine neue Wendung nahm.
Fatma war die Tochter eines hochrangigen Amtsträgers des Osmanischen Reiches. Im Jahr 1686 geriet sie während der Osmanisch-Habsburgischen Kriege bei der Einnahme von Buda (Budapest) in Gefangenschaft. Entsprechend den damaligen Praktiken wurde sie nach Mitteleuropa gebracht und musste in den Haushalten verschiedener Adliger dienen. Zunächst stand sie im Dienst des Markgrafen Hermann von Baden, später im Dienst des bedeutenden habsburgischen Feldherrn Ludwig Wilhelm von Baden-Baden (1655–1707).
In dieser Zeit wurde Fatma katholisch erzogen und erhielt den Namen Augusta Marianna Coelestine Fatme. Ludwig Wilhelm von Baden-Baden war aufgrund seiner militärischen Erfolge in den Kriegen gegen das Osmanische Reich unter dem Beinamen „Türkenlouis“ bekannt.
Bereits im Umfeld des Hofes lernte Fatma Graf Friedrich Magnus zu Castell-Remlingen (1646–1717) kennen, einen engen militärischen Weggefährten Ludwig Wilhelms. Nach dem Tod Ludwig Wilhelms von Baden-Baden im Jahr 1707 wurde Fatma unter die Obhut Graf Castells gestellt. In dieser Zeit entwickelte sich zwischen Fatma und Graf Castell eine Liebesbeziehung, die für Fatmas weiteren Lebensweg von entscheidender Bedeutung wurde und den Prozess einleitete, der sie nach Augsburg führte.
Graf Castell war zu diesem Zeitpunkt verheiratet. Kurz darauf entschied er sich, gemeinsam mit Fatma nach Augsburg zu ziehen. In den Jahren 1707–1708 erwarb er das heutige Höhmannhaus, in das beide einzogen.
Überlieferungen zufolge galt Fatma als gebildete, kluge Frau mit ausgeprägter sozialer Kompetenz. Sie fand rasch Zugang zum Augsburger Stadtleben. Zu ihrem Bekanntenkreis zählten unter anderem die Gemahlin des bayerischen Kurfürsten Max Emanuel sowie eine Gräfin aus der Familie Fugger.
Nach dem Tod der Ehefrau Graf Castells heirateten Fatma und Graf Castell im Jahr 1714.
Nach dem Tod Graf Castells im Jahr 1717 ging sein Erbe inklusive des Höhmannhauses an Fatma. Trotz der Einwände seitens der Familie des Grafen setzte sie ihre rechtlichen Ansprüche durch. Sie war rechtmäßige Besitzerin des Hauses.
Im Jahr 1724 verkaufte Fatma das Höhmannhaus und verließ Augsburg. Sie trat in ein Kloster im nahe gelegenen Markdorf am Bodensee ein, wo sie ein ruhiges Leben führte. Fatma starb 1739 und wurde im Garten des Klosters beigesetzt.
Heute befindet sich das Höhmannhaus im Besitz der Stadt Augsburg und ist Teil des kulturellen Lebens der Stadt. Das Grafische Kabinett und die Neue Galerie sind dort untergebracht.
Türkeistämmige Spuren in Augsburg
- Augustusbrunnen – Römisches Erbe in Augsburg und in der Türkei
- Weberhaus – Wo steht die osmanische Welt in der Augsburger Textilgeschichte?
- Kresslesmühle – Als Ort des Ankommens und Mitgestaltens
- Höhmannhaus – Fatma, eine osmanische Frau in Augsburg
- Brechthaus – Brecht und Nazım Hikmet im Dialog
- Mozarthaus – Die Mozart Familie und der Klang der Musik bis in die Türkei
- Textilviertel – Sie suchten nach Arbeit und fanden eine neue Heimat
- Augsburger Dom – Warum eine osmanische Fahne im Dom hängt?
Das Projekt „Meine Stadt – Meine Geschichte“ beschäftigt sich mit der Ausarbeitung und Digitalisierung der migrantisch geprägten Stadtführungen und ist Teil von DIWA 4.0. Das EU-geförderte Projekt DIWA 4.0 unter der Leitung des Büros für gesellschaftliche Integration der Stadt Augsburg setzt sich aktiv für die gleichberechtigte Teilhabe Neuzugewanderter und ein respektvolles Miteinander ein. Mehr Informationen: augsburg.de/diwa



