Wertachbrucker Tor
Als die russische Armee nach Augsburg kam
Das Wertachbrucker Tor war über Jahrhunderte der wichtigste Zugang zur Stadt von Westen. Durch dieses Tor verließ Marie Antoinette 1770 Augsburg auf dem Weg nach Paris und durch dasselbe Tor zog 1805 Napoleon in die Stadt ein.
Auch 1799 war das Wertachbrucker Tor Schauplatz eines bedeutenden Ereignisses. Am Abend des 6. November 1799 erreichte der russische Feldmarschall Alexander Wassiljewitsch Suworow mit Teilen der russischen Armee Augsburg. 
Nach der Französischen Revolution hatte sich Russland gemeinsam mit Österreich an der Zweiten Koalition beteiligt, um den revolutionären Einfluss Frankreichs in Europa zurückzudrängen. In diesem Zusammenhang führte Suworow im Herbst 1799 im Rahmen des Italien- und Schweizfeldzuges eine große russisch-österreichische Streitmacht gegen französische Truppen. 
Nach schweren Kämpfen in Norditalien und einem äußerst beschwerlichen Übergang über die Schweizer Alpen gelangte das Heer über den Bodensee nach Süddeutschland. Die Truppen waren erschöpft und litten unter erheblichem Mangel an Verpflegung.

Aufgrund von Erschöpfung und akuter Versorgungsknappheit wurde die Armee in der Region um Augsburg einquartiert, um sich zu erholen und neu zu versorgen.
Suworow selbst nahm zunächst Quartier in den Fuggerhäusern am Weinmarkt (heute Maximilianstraße), bevor er in das Schnurbeinpalais in der Heilig-Kreuz-Straße umzog. Die Soldaten und Offiziere wurden in den umliegenden Dörfern untergebracht, konkret in Oberhausen, Pfersee und Kriegshaber.
Ein besonders lebendiges Bild des Aufenthalts vermittelt das Tagebuch eines Offiziers namens Grjasjew, der in Kriegshaber stationiert war. Er beschreibt Augsburg als altfreie, wohlgeordnete Stadt, umgeben von einer starken Mauer und geprägt von zahlreichen Toren. Er lobt das Rathaus mit seiner Bildergalerie großer Meister, die Wasserkunst, die Statue des Kaisers Augustus auf dem Marktplatz, die vielen Kirchen und Klöster sowie den reichen Handel, der Waren aus Deutschland, der Schweiz, Italien und sogar aus der Levante zusammenführte. Selbst das kleine Theater beeindruckte ihn – und führte zu einer Anekdote, die er ausführlich schildert.
Nach einem heiteren Theaterabend fanden Grjasjew und seine Kameraden in der dunklen Nacht den Weg zu ihrem Dorf nicht mehr. Die österreichischen Wachen öffneten ihnen an sechs verschiedenen Toren langsam und widerwillig die schweren Stadttore, doch der richtige Weg blieb unauffindbar. Als ihre Fackeln schließlich erloschen waren, beschlossen die Offiziere, der schlafenden Augsburger Bevölkerung einen Streich zu spielen: Sie zogen an den Klingeldrähten der Haustüren, bis verschlafene Stimmen „Wer da?“ aus den Fenstern riefen. Erst im ersten Morgenlicht fanden die Soldaten den Ausgang aus der Stadt – von Ruß geschwärzt wie Schornsteinfeger.
Im Dezember 1799 zogen die russischen Truppen ab. Ein eindrucksvolles Zeugnis ihres Aufenthalts bildet heute der umfangreiche Bestand des Stadtarchivs: Über tausend Aktenblätter dokumentieren die Wochen, in denen die russische Armee Augsburg und seine Umgebung prägte. 
So wurde Augsburg im Herbst 1799 für einige Wochen zu einem Ort, an dem sich die Stadtgeschichte mit der Geschichte des Russischen Reiches unmittelbar kreuzte und der noch zahlreiche offene Fragen für die historische Forschung bereithält.

Bilderquellen:
Header&Cover Alexander Yarmak
- Karte: Route der russischen Armee von Alexander Suworow in der Schweiz, 1799. Quelle: Wikipedia Route_Alexander_Suworow_1799_Schweiz_01_12.png (2140×3000)
- Bild 2: J.H. Schmitdt: Porträt von Alexander Suworow in Prag, 1800. Eremitage, Sankt-Petersburg. Quelle: Wikipedia Portrait of Alexander Suvorov by J H Schmidt 1800 – Суворов, Александр Васильевич — Википедия
- Bild 3: Vasily Surikov: Der Alpenfeldzug Suworows, 1799. Russisches Museum, Sankt-Petersburg. Quelle: Wikipedia Vasily Surikov – Suvorov Crossing the Alps in 1799 – Google Art Project – Швейцарский поход Суворова — Википедия
- Bild 4: Alexander Kotzebu: Der Übergang Suworows über den St.-Gotthard am 13. September 1799, bis 1859. Eremitage, Sankt-Petersburg Sen-Gotard by Suvorov troops in 1799 – Швейцарский поход Суворова — Википедия
- Akten zu Suworows Besuch von Augsburg, 1799. Foto: Issinskaya Maria, Stadtarchiv Augsburg
Russischsprachige Spuren in Augsburg
- Der Königsplatz – Geschichten aus Bronze, Migration und einem verschwundenen Stadttor
- Der Rathausplatz – Als Moskowiten in Augsburg eintrafen
- Das Schaezlerpalais – Kunst zwischen Augsburg und dem Zarenhof
- Die Stadtmetzg – Wie die Kunst Verbindungen schuf
- Die St. Anna – Augsburgs evangelisches Zentrum und eine Brücke nach Russland
- Das Maximilianmuseum – Augsburger Goldschmiedekunst und ihre Spuren im Russischen Reich
- Die Halle 116 – Ein Ort der Verantwortung und des Erinnerns
- Das Wertachbrucker Tor – Als die russische Armee nach Augsburg kam
Ansprechperson
Maria Issinskaya
Russischsprachige, ukrainische Inhalte
Das Projekt „Meine Stadt – Meine Geschichte“ beschäftigt sich mit der Ausarbeitung und Digitalisierung der migrantisch geprägten Stadtführungen und ist Teil von DIWA 4.0. Das EU-geförderte Projekt DIWA 4.0 unter der Leitung des Büros für gesellschaftliche Integration der Stadt Augsburg setzt sich aktiv für die gleichberechtigte Teilhabe Neuzugewanderter und ein respektvolles Miteinander ein. Mehr Informationen: augsburg.de/diwa
